Das kleine ABC der Rechtspopulisten

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Seit einigen Wochen begleitet mich ein Sticker, den ich einfach wunderbar finde. Weiß auf braunem Hintergrund ist darauf zu lesen: “Du kannst schon Nazi sein, aber dann biste halt kacke”. Ich finde den Sticker deshalb so toll, weil er für mich eine so schöne Antwort auf Menschen vom Schlage Thilo Sarrazins darstellt, die mit einem Gestus des “Das wird man doch wohl noch sagen dürfen” vor die Kameras treten und so tun, als wären ihre Argumente einfach deshalb weniger stupide, weil sie durch die Meinungsfreiheit geschützt sind.

Du kannst schon Nazi sein, aber dann biste halt kacke.
361 Grad Kommunikation

Meisterlich beherrscht dieses Spiel auch der Shooting-Star der plötzlich omnipräsenten Alternative für Deutschland, Bernd Lucke. Kaum waren am 22. September 2013 die Wahlurnen geschlossen, freute er sich nicht nur über den großen Erfolg seiner Partei, sondern glaubte, diesen nicht zuletzt durch “Entartungen von Demokratie und Parlamentarismus” in den vergangenen vier Jahren erklären zu können. Bei Anne Will darauf angesprochen, wollte Lucke natürlich nichts davon wissen, mit historisch belasteten Begrifflichkeiten am rechten Rand zu fischen, sondern verwies darauf, dass der Begriff ebenso in anderem Kontext verwendet würde. Auch die Kritik von Gesine Schwan wies er zurück, schließlich lasse er – Achtung, nun folgt der klassische Schachzug aus dem Kleinen Handbuch der Rechtspopulisten – sich nicht vorschreiben, wie er zu reden habe.

Auch bei der jüngsten Debatte um Lucke werden die Scharfschützen-Qualitäten Luckes deutlich: So lobte der AfD-Chef* das Coming-Out von Thomas Hitlzsperger, um im selben Atemzug darauf hinzuweisen, “dass Hitzlsperger Mut zur Wahrheit bewiesen hätte, wenn er sein Coming Out damit verbunden hätte, auch die Bedeutung von Ehe und Familie zu würdigen”.

Eine dreisekündige Denkpause sollte ausreichen um darauf zu kommen, dass im Kopf des AfD-Chefs vermutlich die seltsamsten Dinge herumschwirren müssen, wenn er glaubt, dass es eine gute Idee sei, ein Bekenntnis zur Homosexualität mit einer Würdigung an Ehe und Familie zu verbinden (womit im Übrigen nicht gesagt werden soll, dass sich Homosexualität und diese Werte prinzipiell widersprechen – ganz im Gegenteil: Sie werden gleichgeschlechtlichen Paaren nur nicht zugestanden). Dass dieses Gegeneinanderaufwiegen von Ehe und Familie gegen das Bekenntnis zur Homosexualität von Presse und nicht zuletzt zahlreichen Usern auf Twitter als das enttart wurde, was es im Kern ist, nämlich zutiefst homophob, wird damit gekontert (wer ahnt es?), dass den Medien vorgeworfen wird, ihm das Wort im Munde herumzudrehen: “Die Presse berichtet über meine angeblichen Bemerkungen zu Hitzlsperger und bestätigt damit genau die Kritik an der Presse, die ich geübt habe.”

Thilo Sarrazin, Jürgen Möllemann und Ronald Schill wären stolz: Erst auf dem Parteitag “die Medien” (die ähnlich wie “die Märkte” scheinbar nur als gesichtslose Masse existieren) kritisieren, ihnen dann mit rechtspopulistischen Äußerungen eine Steilvorlage liefern, um zuletzt nur noch gemütlich auf die unvermeidliche Berichterstattung zu warten, um sie dann als Beweis zu nehmen, eine grundsätzliche Feindseligkeit der Medien gegen die eigene Partei anzuprangern. Und jeder weiß, dass ein Redakteur sich lieber die Hand abhacken als nicht über den “Ausrutscher” Luckes berichten würde. Der wiederum geht gleich dreifach als Sieger aus diesem ungleichen Wettkampf hervor. Zum einen kann er sich als David gegen Goliath (oder wahlweise als Don Quijote im aussichtslosen Kampf gegen die Windmühlen der Medien) profilieren und stärkt so das innerparteiliche “Wir-gegen-Die-Gefühl”. Zum anderen erreicht er mediale Aufmerksamkeit, die dafür sorgt, dass seine Partei nicht in der Versenkung verschwindet, in die sie eigentlich hinein gehört. Und last but not least schafft er natürlich genau das, gegen das er sich so sehr verwehrt: Nämlich die Köpfe der extrem Rechten zu erreichen. Wäre es nicht so ekelhaft könnte man glatt den Hut ziehen.

Und was lernen wir daraus? Ja, du kannst schon ein homophober Populist sein, aber dann biste halt scheiße. Selbst dann, wenn du deine Agitation noch so gekonnt in einer konservativen Hochzeitstorte aus “Das wird man doch noch sagen dürfen” einpackst.

* die parteiinterne Bezeichnung Parteisprecher ist vermutlich absichtlich ein bisschen irreführend

Hier kommt ihr zu Wort!

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Eine Antwort

  1. Als damals die AfD so einen Sieg errungen hat, bekam ich es ernsthaft mit Brechreiz zu tun. Das war so überraschend und schockierend für mich, einfach unbegreiflich. Doch jetzt scheint sich die Sache von selbst zu erledigen, so wie die AfD aktuell zerfällt und die Umfragewerte nach unten schwanken. – Nochmal Schwein gehabt! – Anderseits … wie ich die aktuellen Entwicklungen in Freital beobachte oder vor nem halben Jahr in Dresden, ist die Chance dass die braune Masse sich wieder auftut und nach oben will wahrscheinlich. Hoffentlich läuft bald wieder Dschungelcamp oder DSDS, dann hat Deutschland wieder Ruhe.

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